deutschland deutschland, Insights | April 19, 2017

Eine Schwäche für Populisten? Eine Analyse der Meinungsentwicklung vor den Bundestagswahlen 2017

Germany elections 2017

Lesen Sie hier unsere Analyse auf Englisch

2017 wurde bereits als Superwahljahr Europas bezeichnet. Mit populistischen Strömungen und unerwarteten Wahlergebnissen im Vorjahr, ist sich Europa seiner eigenen Rolle und Stärke nicht mehr eindeutig bewusst.

Schon am Anfang dieses Jahres standen die ersten Wahlen in den Niederlanden an. Ihr Ergebnis galt vielen als Entwarnung gegenüber der Ausbreitung populistischer Agenden. Nichtsdestotrotz bleiben Entwicklungen rund um die Präsidentschaft Donald Trumps und der Durchsetzung des Brexits täglich diskutierte Themen. Viele Beobachter sehen die anstehenden Wahlen in Deutschland und Frankreich als Bewährungsprobe für die Zukunft der Europäischen Union. Sollten die beiden zentralen Partner im Euro-Pakt ihre Bemühungen reduzieren und Populisten die Regierungsbildung überlassen, ist eine künftige Stärke der EU nicht zuverlässig vorhersagbar. Das Wahljahr und die möglichen Ergebnisse bleiben in vielen Augen weiterhin ungewiss und angespannt.

Im Lichte dieser Situation haben Media iQ, als Teil einer mehrteiligen Serie, hier eine Stimmungs- und Hashtag-Analyse in den sozialen Netzwerken, speziell in Twitter, durchgeführt, um einen Ausblick auf die Bundestagswahlen im September geben zu können. Zuletzt erregten überraschend hohe Werte für die AfD die Aufmerksamkeit und teilweise Sorge der Presse und Öffentlichkeit. Dies liegt daran, dass die AfD auf ähnlich populistische Wahlversprechen setzt wie die Front National in Frankreich. In den sozialen Netzwerken fällt die starke Unterstützung für die AfD auf, welche von Wählern kommt, die sich von bestehenden Parteien abgewandt haben. Wir berücksichtigen bei unserer Analyse sowohl die Meinungsbilder gegenüber individuellen Politikern und Parteien, und wollen herausfinden ob die deutschen Wähler tatsächlich eine Schwäche für populistische Agenden zeigen.

Der Analysezeitraum fällt auf einen Zeitraum von 6 Wochen von 23. Januar bis 05. März 2017.

PARTeienZustimmungswerte (Twitter-basiert)

Im Kontext der aktuellen Großen Koalition zeigt sich, dass beide Koalitionspartner recht negativ bewertet werden. Dies liegt auch mit daran, dass sie traditionell eher entgegengesetzte Werte verkörpern und die Koalition 2013 vor allem zustande gekommen ist, da kein der beiden Parteien eine Regierungsbildung mit ihren bevorzugten Juniorpartnern erzielen konnte. Als Ergebnis der gemeinsamen Legislaturperiode wird zum Teil unterstellt, dass eine Aufweichung beider Parteiprofile stattgefunden hat. Beide Parteien haben an Wählern verloren, wobei die SPD einen deutlichen Verlust erfahren hat und davon auszugehen ist, dass die Zustimmung zu populistischer Rhetorik vor allem von Wählern stammt, die sich von der Mitte abgewendet haben, sowie von Wahlberechtigten, die sich als Nichtwähler identifizieren.

KandidatenZustimmungswerte (Twitter-basiert)

Anders als in der ersten Übersicht sieht man, dass sich die Zustimmungswerte für die Kandidaten sehr von denen der Parteien unterscheiden.

Obwohl seine Partei ebenfalls eher negativ bewertet wird, erhält Martin Schulz durchgehend positive Werte. Dies lässt sich darin erklären, dass Angela Merkel als Inhaberin des wichtigsten regierungsbildenden Amtes einer stärkeren Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit unterliegt. Gerade größere Magazine und Zeitungen berichten grundsätzlich neutral bis kritisch über Merkel. Nutzer, die diese Positionen retweeten, tragen also automatisch dazu bei, dass sich die Grundeinstellung bereits leicht ins Negative verschiebt. Eine mangelnde in die Netzwerke getragene Unterstützung für Merkel führt zu dem finalen negativen Ergebnis. Merkels öffentliche Äußerungen und Positionen haben einen stärkeren Effekt auf z.B. die deutschen Interessen im Ausland als Schulz’ Verlautbarungen.

Darüber hinaus ist Merkels negatives Stimmungsbild auch auf die demografische Aufteilung der Twitteruser zurückzuführen. Junge Nutzer und Millenials mit eher liberalen Werten sind deutlich häufiger auf Twitter aktiv als konservative Merkel-Wähler.

Schulz kann sich auch deswegen einer stärkeren Prüfung entziehen, weil seine politische Karriere über zwanzig Jahre hinweg ausschließlich auf EU-Ebene stattfand. Diese „weiße Weste“ in Kombination mit seiner Nachfolge auf Sigmar Gabriel als unbeliebtem SPD-Vorsitzenden sind Schulz’ größte Vorteile. Die bundesweit gefallenen Werte der SPD unter Gabriel tragen dazu bei, dass Schulz als großer Hoffnungsträger für die Partei betrachtet wird (#schulzeffekt).

Martin Schulz‘ Umfragewerte

Wir konnten beobachten, dass die allgemeine positive Resonanz für Schulz besonders mit trendenden Hashtags wie #hoheernergie und #kanzlerkandidat ausgedrückt wurde. Ebenso verfügt die Marketingkampagne rund um Schulz über eigene wirksame und trendende Hashtags wie z.B. #jetztistschulz. Eine Schwäche unserer Analyse hierbei ist, dass wir gerade den Inhalt von Tweets, die den Hashtag aufgreifen, jedoch eine andere Meinung vertreten, nicht erfassen können. Schulz’ Kandidatur wurde neben den Tagesnachrichten auch von politischen Talkshows aufgegriffen (#annewill), so dass die direkte Wirkung und Reichweite des Themas weiter verstärkt wurde. Auslandspolitik ist durch Themen wie CETA, Donald Trump und den politischen Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland unter den trendenden Themen vertreten.

Trotz einiger negativer bzw. kritischer Hashtags unter den trendenden Themen erzeugt Schulz ausschließlich positive Reaktionen, was zeigt, dass die negativen Themen entweder nicht mit ihm assoziiert oder für seine Kandidatur nicht als wichtiges Thema angesehen werden.

Angela Merkels Umfragewerte

 

Zusätzlich zu der neutralen Berichterstattung kann es auch vorkommen, dass stark negative Hashtags wie beispielsweise #merkelstote unter politisch rechts ausgerichteten Wählern starken Anklang finden und so eine künstliche Verstärkung des Effekts dieser Hashtags hervorrufen. Entlang der negativen Spitzenwerte für Merkels Zustimmungswerte erscheinen Hashtags, die mit den Themen Erdogan (#erdogan), Flüchtlingsbewegungen und Integration (#migranten) zusammenhängen. Nach der Inhaftierung von Deniz Yücel im Februar bleiben die Gemüter erhitzt, da dies als direkter Angriff auf die deutsche Pressefreiheit gesehen wurde und Merkels Position sich nicht als stark genug durchsetzen konnte. Im weiteren Verlauf sehen wir außerdem die Hashtags #demokratie und #grundgesetz, die die Wichtigkeit der Wahrung dieser Grundwerte durch das stärkste deutsche Regierungsmitglied nochmals betonen.

Vergleich von Politiker- und Parteiergebnissen – CDU/Merkel

Die signifikanten Zugewinne in den Abstimmungswerten für die SPD werden nur durch wesentlich schwächere negative Ausschläge marginal geschwächt, so dass aus einem Verlauf von drei Höchstwerten mit einem Zugewinn von jeweils bis zu 4% eine Gesamtsteigerung für die SPD von insgesamt über 9% entsteht. Zum Ende des untersuchten Zeitraums sind nur noch kleine Fluktuationen zu sehen, was darauf hindeutet, dass der Effekt rund um Martin Schulz abnimmt. Die CDU erfährt mehr Zugewinne und Verluste im Wechsel und beendet den Wochenvergleich mit einem Ergebnis von minus 3%. Darüber hinaus können wir erkennen, dass die direkten und starken Reaktionen auf Merkels Handlungen und Aussagen sich nicht auf die Zustimmung- und Umfragewerte für die CDU übertragen lassen. CDU-Wähler scheinen demnach deutlich loyalere und entschiedene Wähler zu sein, was mit dem konservativen Profil und einer älteren Demografie übereinstimmt.

Vergleich von Politiker- und Parteiergebnissen – SPD/Merkel

Die positive Änderung für den SPD-Parteivorsitz bringt indes keine sofortige Veränderung für die Wahrnehmung der SPD als Ganzes mit sich. Im weiteren Verlauf der Analyse, lässt sich jedoch für den betrachteten Zeitraum feststellen, dass die positiven Werte für Martin Schulz (mit einer zeitlichen Verzögerung) auch in den Abstimmungswerten für die SPD auftauchen.

Die Grafik wurde auf Basis der Daten aus den Sonntagsfragen erstellt. Da so auch die breite Öffentlichkeit erreicht wird und über unterschiedliche Kanäle die Wahlabsichten erfragt werden, lässt sich so die Verbindung zu den Aktivitäten in den sozialen Netzwerken und ihr Einfluss auf die traditionellen Wahlentscheidungen erkennen.

Die signifikanten Zugewinne in den Abstimmungswerten für die SPD werden nur durch wesentlich schwächere negative Ausschläge marginal geschwächt, so dass aus einem Verlauf von drei Höchstwerten mit einem Zugewinn von jeweils bis zu vier Prozent eine Gesamtsteigerung für die SPD von insgesamt über 9% entsteht. Zum Ende des untersuchten Zeitraums sind nur noch kleine Fluktuationen zu sehen, was darauf hindeutet, dass der Effekt rund um Martin Schulz abnimmt. Die CDU erfährt mehr Zugewinne und Verluste im Wechsel und beendet den Wochenvergleich mit einem Ergebnis von minus 3%. Darüber hinaus können wir erkennen, dass die direkten und starken Reaktionen auf Merkels Handlungen und Aussagen sich nicht auf die Zustimmung- und Umfragewerte für die CDU übertragen lassen. CDU-Wähler scheinen demnach deutlich loyalere und entschiedene Wähler zu sein, was mit dem konservativen Profil und einer älteren Demografie übereinstimmt.

Individual_Politician_Sentiment

Ein Vergleich der Kandidaten und öffentlich relevanter Politiker wie Kabinettsmitglieder in einem Ranking zeigen eine Übereinstimmung mit den bisherigen Schulz-vs-Merkel-Mustern. Wir sehen also bestätigt, dass die stärksten Kandidaten um die Kanzlerposition auch die meiste Aufmerksamkeit erhalten. Auch da die weniger beachtete Politiker weniger profiliert sind, beziehen sich Tweets und Hashtags eher auf ihre Parteien als auf sie persönlich. Horst Seehofer, Alexander Gauland und Björn Höcke sind trotz ihres vergleichsweise geringen Einflusses auf bundesweite Politik bevorzugte Ziele von deutschen Satiremagazinen und Kolumnen. Daher entstehen viele Hashtags mit einer eher neutralen bis sarkastischen anstelle einer eindeutig negativen Konnotation. Frauke Petry ist neben ihrer Rolle als Kanzlerkandidatin für die rechtspopulistische AfD auch das deutsche Gesicht der europaweiten Populismusbewegung und wird als direktes Pendant zu Marine Le Pen gesehen. Trotzdem weißt sie als einzige Politikerin einen deutlich positiven Stimmungswert auf. Da es eine deutliche Mehrzahl an negativen Hashtags zu Frauke Petry gibt, zeigt der insgesamt positive Wert an, dass es trotz weniger positiver Hashtags eine höhere Aktivität unter ihren Anhängern gibt, die auch langlebigere Hashtags wie #petryforpresident, #frauke2017 und #kanzlerinpetry nutzen.

Parteienranking nach Zustimmungswerten

 

Bei der Betrachtung der Parteien-Zustimmung in einem Ranking bestätigt sich unsere anfängliche These, dass die Twitteruser ihre Meinung nach wie vor über traditionelle Nachrichtenkanäle bilden und durch die Verbreitung und Retweets einige dieser Kanäle stärken.

Gängige Nachrichtenmagazine und Zeitungen haben seit einiger Zeit eine mahnende Haltung gegenüber der AfD eingenommen und weisen auf die teils NPD-lastigen, rechtspopulistischen Tendenzen hin. Die linkspolitischen Tendenzen der Twitternutzer erklären die Schlusslichtpositionen im negativen Bereich für die AfD.

Direkt auf diese beiden Parteien folgt mit einigem Abstand, aber weiterhin deutlich negativen Zustimmungswerten, die SPD. Hier zeigt sich, dass sich der „Schulzeffekt“ zur direkten Wiederherstellung des SPD-Profils als Volkspartei der linken Mitte in Grenzen hält.

Vergleich von Politiker- und Parteiergebnissen – SPD/SCHULZ

Beim abschließenden Vergleich von Tweetanzahl zur Veränderung der Zustimmungswerte für die Kandidaten zeigt sich die durchschnittliche Effektivität und Wirkweite der einzelnen Tweets. Grundsätzlich lässt sich feststellen: Eine starke Änderung in den Sympathiewerten bei vergleichsweise wenigen Tweets bedeutet, dass entweder viele Tweets neutral ausfielen – so dass z.B. wenige negative einen stärkeren Effekt besaßen ohne von Tweets mit gegenteiligen Hashtags ausbalanciert zu werden – oder aber Tweets durch die Verbindung mit mehreren Hashtags einen stärkeren Effekt hatten.

Am Zeitstrahl entlang zeigen sich zwei hohe Ausreißer in den Schulz-bezogenen Tweetzahlen. Der Tag der Kandidatur weist hierbei erneut die höchste Resonanz in den sozialen Netzwerken auf und zeigt gleichzeitig auch den positivsten Ausreißer in Schulz‘ Sympathiewerten. Dies lässt darauf schließen, dass an diesem Tag viele gleiche Hashtags genutzt wurden und vor allem auch Unterstützerzahlen die kritischen Stimmen zahlenmäßig übertrafen. Die allgemeine Euphorie, die zu Schulz‘ Antrittsrede noch herrschte, wird im weiteren Verlauf des Graphen durch Skepsis gedämpft und dadurch, dass Wähler und Medien beide Kandidaten einer genaueren Prüfung unterziehen und die Einhaltbarkeit von Wahlversprechen hinterfragen.

Angela Merkels Graph zeigt wesentlich weniger Fluktuation der Gesamttweets an, jedoch einige Negativausreißer bei der Veränderung der Sympathiewerte. Einer der negativen Ausreißer für Merkel fällt auf den 3. Februar 2017, also nur kurz nach einem wichtigen Treffen führender EU-Regierungschefs. Nur wenige Twitteruser haben sich an diesem Tag aktiv mit dem Thema auseinandergesetzt, dafür jedoch umso negativer, und verursachten damit einen Tiefststand in Merkels Sympathiewerten. Dies liegt wahrscheinlich an einigen Ergebnissen des Treffens und der politischen Prädisposition dieser Twitternutzer. Aktuelle Themen, die die Stimmung rund um Merkel eher negativ beeinflussen, sind ihre Äußerungen zur EU als ein „Europa unterschiedlicher Geschwindigkeiten“, sowie ihre Verteidigung des ehemals durch die SPD initiierten Programms Agenda2010, auf dem heute noch viele sozialpolitische Entscheidungen auch unter der CDU fußen. Beide Thematiken entfachen eher negative Tweets, da Experten der Meinung sind, die Agenda2010 habe wesentlich zu Ungleichverteilungen unter den Deutschen geführt, statt sie zu beseitigen.

With inputs from Priyanshu Gupta, Insights Specialist. Illustrated by Ananya Ghosh. 

 

 

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