deutschland deutschland, Infographics, Insights | July 20, 2017

Bundestagswahl 2017 – Soziale Medien: Ein Tummelplatz für politische Außenseiter?

Serie Bundestagswahlen 2017 : "Soziale Medien: Ein Tummelplatz für politische Außenseiter?"

Aufbauend auf unserer ersten Stimmungsanalyse gegenüber Parteien und Politikern, präsentiert Media iQ hier Ergebnisse zum Einfluss von Meinungen innerhalb der sozialen Medien und darüber hinaus, z.B. in aktuellen Umfragewerten und Meinungsbildung offline. Da der Wahltermin immer näher rückt, wird es zunehmend wichtiger zu verstehen, wie sehr sich Nutzer auf soziale Medien als Informationsquelle verlassen. Aktuelle Umfragen haben gezeigt, dass besonders die jüngere Generation der Millenials sich auf das Internet und soziale Medien als Hauptinformationsquelle verlassen. Die gleiche Studie zeigt auch auf, dass die meisten Nutzer aufgrund der Warnungen vor Fake News eine gewisse Vorsicht gegenüber denselben entwickelt haben, jedoch bleibt die Beeinflussbarkeit von jungen und Erstwählern weiterhin ein wichtiges Thema.

Aufgrund verschiedener internationaler Aussagen zu verzerrten Umfrage- und Wahlergebnissen, beschäftigen wir uns auch eingehend mit der Unterstützung von Politikern und Parteien in den sozialen Medien und versuchen aktiv verdächtige Bewegungen zu identifizieren. So können wir unter anderem einseitige aktive Twitter-Bot-Posts identifizieren.

Zustimmungswerte auf Twitter – Entwicklung:Zustimmungswerte auf Twitter – Entwicklung:2Zustimmungswerte auf Twitter – Entwicklung

In unserer letzten Veröffentlichung konnten wir aufzeigen, dass Angela Merkel sowohl als Politikerin als auch als Person zwischen Januar und März 2017 sehr viel negativer wahrgenommen wurde als aktuell. Um die neuesten Entwicklungen miteinzubeziehen, haben wir eine erneute Analyse der Zustimmungswerte der beiden Kandidaten Schulz und Merkel durchgeführt und den beobachteten Zeitraum auf den 23. März bis 22. Mai angepasst. Zu Beginn des Graphs zeigt sich weiterhin eine gewisse Volatilität für beide Kandidaten, jedoch beginnen sich die Zustimmungswerte auf den Social-Media-Kanälen einander anzunähern. Angela Merkel weist nun einen Stimmungswert vor, der viel näher an dem von Martin Schulz liegt. Während ein kleiner negativer Unterschied bestehen bleibt, liegt dieser insgesamt jedoch nur noch bei weniger als 0.1.

Verteilung positiver und negativer Nachrichten über Angela Merkel im Zeitverlauf (Mediaquant)

Diese Entwicklung für Merkel wird auch in den etablierten Medien wie Zeitungen und Radio widergespiegelt. Während ihre Werte im Februar auf einen Tiefstand von -68% fielen, verbesserten sie sich schnell wieder auf bis zu 11% positive Nachrichten im April.[i]

[i] Mit Zustimmungswerten sind hierbei nicht die Antworten individuell befragter Personen gemeint, sondern viel mehr die Quantität der unterschiedlich ausgerichteten Berichterstattung, d.h. der Durchschnitt aller positiver, negativer und neutraler Nachrichten, die wir als auf Merkel bezogen identifiziert haben.

Martin Schulz‘ Position hat sich unterdessen von der eines gefeierten Hoffnungsträgers für die SPD zu einem eher moderat beachteten und teils nicht vollständig ernstgenommenen Gegenkandidaten zu Merkel gewandelt. Dies liegt vor allem an der weiterhin fehlenden parteiprogrammatischen Emanzipation von der CDU. Dies ist auch einer der Hauptgründe dafür, dass die Umfragewerte der SPD nach einem Kurzzeithoch im Februar wieder auf 24% gefallen sind. Der vielbeschworene ‚Schulzzug‘-Effekt, der von vielen erwartet und gefeiert wurde, hat kontinuierlich nachgelassen. Stattdessen sind natürliche Meinungsbilder und -flüsse auch in den sozialen Medien verbreitet. Jedoch schaffen es Falschmeldungen einfach übersehen zu werden, bzw. fallen trotz ihres Einflusses nicht direkt als verdächtig auf.

Entwicklung der Ergebnisse der Sonntagsfrage der letzten 6 Monate (Infratest Dimap)

Entwicklung der Ergebnisse der Sonntagsfrage der letzten 6 Monate (Infratest Dimap)

Ergebnisse der Sonntagsfrage vom

Ergebnisse der Sonntagsfrage vom 16.06.2017

Mit einem Blick auf die Followerzahlen auf Twitter lässt sich schnell Einfluss und Reichweite unterschiedlicher Parteien oder Politiker erfassen. Obwohl Followerzahlen keine eindeutige Maßeinheit für Unterstützung und Stärke der Parteien in der gesamten Wählerschaft darstellen, so sind diese Zahlen doch viel schneller und einfacher messbar als offizielle Umfrageergebnisse wie die der Sonntagsfrage. Die Zahlen gewinnen außerdem an Bedeutung nachdem im vergangenen Jahr vor allem auf internationaler Ebene einige offizielle Analysen sehr stark danebenlagen und den! Wahlausgang falsch vorhergesagt haben, z.B. beim Brexit-Referendum und der US-Präsidentschaftswahl.

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Followerzahlen für Parteien und Spitzenpolitiker auf Twitter und Facebook (Stand: Mai 2017)

Die Alternative für Deutschland (AfD) hat unter allen Partei-Accounts die meisten Facebookanhänger. Obwohl sich die Umfragewerte für die AfD signifikant verschlechtert haben und mittlerweile bei ca. 8% liegen (vormals Höchstwerte von bis zu 15%), zeigt sich, dass die Partei weiterhin einen großen ‚Social Buzz‘ kreiert und offline wie online viel Aufmerksamkeit bekommt. Es wäre zu früh zu sagen, dass sie die Unterstützung der meisten Protestwähler verloren hat. Trotz einiger umstrittener Leaks in Bezug auf faschistische und rechtsradikale Meinungen innerhalb der Partei, haben wir eine Analyse durchgeführt, die es ermöglicht echte Nutzeraktivität von Fake News zu unterscheiden.

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Qualität der Follower nach Twitteraccount (Stand: Mai 2017)

Martin Schulz hat die höchste Zahl von Twitterfollowern. Der Großteil dieser Follower geht jedoch bereits auf Schulz‘ politische Karriere in Brüssel als Präsident des Europaparlaments zurück. Um die tatsächliche Qualität anstelle der Masse der Twitterfollower zu beurteilen, haben wir eine Unterscheidung in aktive, inaktive und „fake“ Follower vorgenommen. Martin Schulz und Sahra Wagenknecht weisen die jeweils höchsten Werte für aktive (=gute) Anhänger auf mit jeweils 30% bzw. 25%. Alle Accounts unserer Analyse weisen sehr hohe Anteile an inaktiven Abonnenten auf, die sich entweder nah bei 50% oder sogar darüber bewegen. Daraus ergibt sich, dass die Nettoreichweite der geteilten Posts deutlich begrenzt ist. Überraschenderweise zeigt die Tabelle, dass der Anteil der eindeutig als ‚fake‘ einzustufenden Abonnenten bei der AfD nicht außergewöhnlich höher liegt als bei den anderen Accounts.

Bei dieser Beobachtung ist es wichtig zu wissen, dass unechte Abonnenten nicht mit Bots oder bot-ähnlicher Aktivität gleichgesetzt werden können oder anders herum. Bots müssen den Accounts, die sie unterstützen oder targeten nicht „folgen“ um zu funktionieren, da sie Schlagwörter und die Aktivität der beobachteten Accounts auffangen und in Echtzeit mit z.B. Retweets darauf reagieren. Bots können in erster Linie an der Struktur ihrer Aktivität identifiziert werden. Hierzu zählt unter anderem neben der hohen Frequenz auch die zeitliche Aktivität. Darüber hinaus besteht die Aktivität oft aus einfachen Retweets, ohne das ‚eigene‘ Äußerungen hinzugefügt werden. Es wird also ein reiner‚Social Buzz‘anstelle eines Mehrwerts erzeugt. Als Benchmark haben wir eine Aktivität von mehr als 30 Mal am Tag gewählt um die bot-ähnliche Aktivitätsmuster zu messen. Darüber hinaus ist es für uns interessant, wenn die Aktivität gleichmäßig verteilt auf den ganzen Tag fällt, anstatt zum Beispiel nur auf die normale Nutzungszeit und die ‚Einhaltung‘ der Nachtstunden als Ruhezeit.

Einige Accounts sind sehr populär bei dem Twitterpublikum und fallen auf durch eine häufige Erwähnung (‚Mention‘ = Nennung des Accountnamens im Tweet mit @Username). Die folgende Tabelle zeigt deutlich, dass Angela Merkel auch weiterhin einen größeren Anteil negativer Tweets auf sich zieht, besonders durch einige herausstechende Accounts, wie z.B. @RefugeeCrimeMap oder @stoppmerkel. Martin Schulz hingegen zieht von allen Tweets, die auf ihn bezogene Hashtags enthalten, nur knapp über 2% jeweils über die Accounts @AfDKompakt und @stoppR2G auf sich.

Pro-AfD-Aktivitäten auf Twitter fallen durch viele bot-ähnliche Aktivitäten auf

Pro-AfD-Aktivitäten auf Twitter fallen durch viele bot-ähnliche Aktivitäten auf

Wir haben die aktiven Accounts anhand ihrer Aktivität in unterschiedliche politische Lager eingeteilt. Accounts, die in der unten dargestellten Netzwerkgrafik dargestellt sind, versuchen die Zustimmungswerte der Accounts, die sie targeten oder unterstützen aktiv zu beeinflussen. Die Grafik beinhaltet sowohl natürliche Aktivitäten, als auch bot-indizierte Aktivitäten. Um in der Grafik aufzutauchen, müssen die Accounts über einen Zeitraum von zwei Monaten mehr als 30 Mal mit der gleichen politischen Ausrichtung aktiv gewesen sein. Je größer hierbei der Knotenpunkt, desto aktiver waren die Accounts bzw. die Untergruppen. So erhalten wir sieben Untergruppen mit den folgenden Aktivitäten:

3-revisedfinalTwitteraktivität und Accountnennungen über unterschiedliche politische Cluster hinweg (klickbar für Zoomansicht)

Zentral in der Grafik positioniert sich das konservative Camp rund um Tweets, die von CDU-nahen Accounts kommen. Besonders aktive Accounts hierbei sind z.B. die von offiziellen Parteifunktionären, wie der von Peter Tauber. Dadurch, dass die CDU einen sehr hohen Anteil inaktiver Nutzer aufweist und der Größe des Subnetzwerkes in der Grafik, können wir feststellen, dass die meisten Tweets und Aktivitäten im CDU-Umfeld echt sind. Wie vorhergesagt, ist die absolute Zahl an Posts recht hoch, jedoch fällt die Nettoreichweite entsprechend niedrig aus, wodurch sich auch der Einfluss auf Zustimmungswerte einschränkt.

Weitere Subnetzwerke gehören zur FDP und der Piratenpartei. Die FDP ist programmatisch recht nah an der CDU angelehnt, vertritt mit ihrer liberal-konservativen Einstellung jedoch liberalere Gesellschaftswerte. Daher sind der Austausch und die Nennungen der Accounts zwischen den beiden Netzwerken naheliegend. Die Piratenpartei erscheint mit einem außergewöhnlich großen Cluster angesichts ihrer gesunkenen Relevanz als Partei auf Bundestagsebene. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die meisten ihrer Aktivitäten echt sind, da das Publikum der Piratenpartei sehr internetaffin ist und sich fast ausschließlich mit Internetrechts- und Freiheitsthemen beschäftigt. Daher überrascht auch nicht die relative Isolation zu den anderen Clustern.

Das blaue Cluster stellt alle Accountaktivitäten dar, die mit der AfD verbunden sind. Hier fällt vor allem die klare namensgebende Orientierung von Accounts wie @Mundaufmachen und @PinnocchioPresse auf, die deutlich das Misstrauen der Accountbetreiber in die etablierten Medien und Meinungsbildungskanäle aufzeigt. Einige der mit der AfD in Verbindung stehenden Bots fallen durch ein fast minütliches Tweet-Muster auf. Die Aktivitäten stechen außerdem mit der Art des Inhalts hervor, den sie sharen, da dieser hauptsächlich von alternativen Nachrichtenseiten stammt, die oftmals nicht verifizierbar sind. Viele der Tweets stechen auch mit übermäßig negativer Tendenz gegen die Regierung hervor oder enthalten rassistische und beleidigende Inhalte.

Schlussfolgernd können wir sagen, dass Twitter aktuell ein ideales Instrument zur Nutzung von populistischen Accounts darstellt, da sich Bots leicht einrichten lassen und einen recht hohen Wirkungsgrad innerhalb Twitters haben. Bei oberflächlicher Betrachtung haben Bots u.a. aus dem rechtspopulistischen Lager also einen deutlich negativen Effekt auf die Zustimmungswerte. Bei einer tiefergreifenden Analyse wie der unseren lassen sich die Bots jedoch sehr schnell von den echten Meinungen der Twitteruser unterscheiden.

With inputs from Priyanshu Gupta, Insights Specialist. Illustrated by Ananya Ghosh.